„Erster Wiener Kegelsportklub Die Reisser“

 

Um 1885, als in  Teilen Deutschlands und auch in Österreich die Kegler wieder aktiv wurden, rückte ein  Gedanke immer stärker in den Vordergrund: alle Kegelsportfreunde zu einem Bund zu vereinigen und Kegeln  nach einer bestimmten Ordnung zu betreiben. So erfolgte auch tatsächlich im Jahre 1885die Gründung des Deutschen Keglerbundes (DKB).

Wenn man sich an diese Zeit zurückerinnert, muss man auch wissen, dass um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die „Hohe Obrigkeit“ das „Kegelschieben“ bei Strafe verboten hat. Es ist hinlänglich bekannt, dass es beim früheren „Kegelschieben“ meist  um hohe Wetteinsätze ging und dass auch dabei immer sehr viel Alkohol konsumiert wurde. Um nun vor allem die Jugend – aber auch die Alten – weg vom Alkohol und Tabakgenuss zu bringen, hat es sich der Inspektor der Österreichischen Bundesbahnen, Herr Adolar SCHÜBEL  zur Aufgabe gemacht, Kegeln als Sport, mit Wettbewerben – ähnlich wie beim Fußball – zu propagieren. Und so wurde am 29. Dezember 1885 der Kegelverein „DIE REISSER“ gegründet, der damit älteste Kegelverein in der Keglergeschichte. Kegelbruder SCHÜBEL war 40 Jahre lang Vorsitzender des Klubs und er hat während dieser Zeit wahre Pionierarbeit in dieser Sportdisziplin geleistet Es ist ihm trotz vehementer Schwierigkeiten gelungen, den Grundstein zur heutigen großen Keglergemeinschaft  zu legen. Man kann sich ja vorstellen, dass es nicht so leicht war, den  wettbesessenen Keglern  klar zu machen, unter  welch schlechten Bedingungen sie nächtelang ihre Freizeit auf den sogenannten "Lahmbudeln" verbracht haben. Es war auch nicht leicht, die damaligen Kegelbahnbesitzer - in der Regel waren es Wirte und Kaffeesieder - dazu zu bringen, auch einem Klub mit dem Ziel, Wettkämpfe um eine Meisterschaft auszutragen, ihre Bahnen zu vermieten. Es gab auch anfänglich nur eine Handvoll von Vereinen mit dem gleichen sportlichen Ziel und es mussten daher Wettkämpfe in Deutschland und in unseren Bundesländern ausgetragen werden, von denen die Klubs "ALLE NEUNE", "D'ANWANDLER" oder "D'SCHNEIDIGEN" -  um nur einige zu nennen - als Gegner zur Verfügung standen.

 Es wurde damals nur "in die Vollen" gekegelt und es musste jeder Starter 100 Würfe durchführen. Eine Mannschaft bestand zunächst aus je vier, später, als immer mehr Kegelsportbegeisterte den Vereinen zustrebten, sechs Mann. Es bestehen aus dieser Zeit noch Fotos, aus denen man ersehen kann, wie ernst es die Sportkegler damals nahmen. Sie waren ganz adrett, mit langer weißer Hose, weißem Hemd - mit Krawatte – und weißen Tennisschuhen bekleidet. Die meisten von Ihnen kamen aus den Turnerkreisen und das sah man  ihren gut durchtrainierten Körpern an. 

 Die Ausübung des Kegelsportes stand zur damaligen Zeit in keinem Verhältnis zu heute. Es gab bestenfalls eine Zweierbahn  und diese war nur als „Lahmbudel“ ausgestattet. Wenn man ein „Lavoir“ mit kaltem Wasser nach Beendigung des Kampfes vorfand, war dies damals schon eine Sensation! Auch das damalige Kegelmaterial ist mit dem heutigen Material nicht zu vergleichen. Es gab Holzkegel, die auf einem Kreuz mit neun Punkten standen und diese waren mit einem Blechkreis gekennzeichnet. Die Kugeln waren aus Holz, mit unterschiedlichem Durchmesser und nach einiger Zeit der Verwendung glichen sie, durch die Abnützung, eher „Eiern“ statt Kugeln.

Es wurde mit viel Freude und großem Ehrgeiz gekegelt, bis 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach. Trotz aller Widerwärtigkeiten - Einstellung des Verkehrs, 8-Uhr-Sperre des Klublokales, Kerzenbeleuchtung, Beheizungsschwierigkeiten und Einberufung vieler Mitglieder zur militärischen Dienstleistung - gelang es dem rührigen Adolar SCHÜBEL, mit den noch zurückgebliebenen Mitglieder den Betrieb aufrecht  zu halten. Er ermöglichte aber auch den aus dem Felde Zurückgekehrten bzw. den Urlaubern, durch Besuche der Klubabende frohe und unbeschwerte Stunden genießen zu können. Der Krieg riss natürlich arge Lücken in die Kampfmannschaften  und es bedurfte wieder harter Arbeit, um nach dem Krieg neue Mitglieder für den Kegelsport zu begeistern.

1919 verstarb der erste Obmann des Vereines und an dessen Stelle trat der Oberamtsrat Franz GIRSCHNER an die Spitze des Klubs und führte diesen mit großem Geschick und harter Arbeit bis zu seinem Tode am 8.3.1949. Während seiner Präsidentschaft ging es mit Riesenschritten im Österreichischen Kegelsport bergauf. Es begeisterten sich  immer mehr Sportinteressierte  für‘s  "Sportkegeln" und es gab nun auch schon "luxuriöse" Kegelbahnen mit Asphaltbelag und einheitlichen Maßen für Kegeln und Kugeln. Jetzt hatten die Holzkegel an der Unterseite schon kleine Metallkugeln, mit welchen sie unverrückbar und präzise am festverankerten Kegelkreuz in Vertiefungen standen. Den sehr rasch eirund werdenden Holzkugeln wurden durch Kunststoffkugeln (ein aus Textilien und Harz festgepresstes Material) ersetzt. Dadurch erreichte man, dass jede Kugel den gleichen Durchmesser von 16 cm hatte und 2,90 kg wog. Die Flanken der Kegel wurden mit einer Plastikmanschette versehen (dort wo die Kugel den Kegel immer berührt) und somit widerstandsfähiger gemacht. Auch um die Meisterschaft wurde bereits nach anderen Richtlinien gekämpft  und mit einer Mannschaft, bestehend aus 6 Mann, 50 Wurf  in die Vollen und 50 Wurf auf "Abräumen" gekegelt. Die siegreiche Mannschaft erhielt (wie beim Fußball) zwei Punkte und bei gleicher Holzanzahl wurde jeder Mannschaft je ein Punkt zugesprochen. Es existierten nun schon viele Vereine, so dass eine Klasseneinteilung vorgenommen werden musste. Einem allgemeinen Wunsche nach Selbständigkeit im Rahmen eines eigenen, eines österreichischen Kegler Verbandes entsprechend, wurde dank der besonderen Initiative des Vorsitzenden der REISSER, Oberamtsrat Franz GIRSCHNER und Oberamtsrat PUTZENDOPPLER der Österreichische Kegler Verband (ÖKV) 1935 gegründet.

Der allgemeine Standpunkt dieser Zeit, Kegeln sei kein Sport sondern ein Vergnügen, wurde durch den  unermüdlichen Einsatz Präsident GIRSCHNER's und seiner damaligen Mitarbeiter aber rasch geändert. Als der O.K.B. 1936 in die damalige Österreichische Sport- und Turnfront als Mitglied aufgenommen wurde erhielt er dadurch seine Bestätigung als Sportverband. Im weiteren Verlauf wurden die Landesverbände Wien, Niederösterreich und Tirol gegründet. Ab dieser Zeit ging es auch mit der Errichtung von Sportbahnen bergauf und große Firmen, aber auch die Öffentliche Hand wie Bahn, Polizei, Post und die Gemeinde Wien, bauten für ihre Belegschaft schöne Anlagen. Damit verschwand so manche alte "Einser Bahn" auf der nur sonntags der Meisterschaftskampf ausgetragen werden konnte, da eine solche Begegnung den ganzen Tag beanspruchte.

           Es wird noch manche ältere Kollegen geben, die sich an die Bahnen der ersten Stunde in Atzgersdorf und Hennersdorf erinnern. Es gab noch eine Anzahl von solchen Bahnen in der Troststraße, in der Quellenstraße (wo man zum Beispiel im ersten Stock kegelte) und in der Schweigergasse im 21. Bezirk. Auch andere Zweierbahnen mussten der neuen Zeit Platz machen. So die schöne Anlage im Baumgartner Casino, die Rauchfangkehrerbahn, die alten Schichtbahnen, die Anlage der Eisenbahner an der Alten Donau, die Bartschbahnen, die gemütlichen Bahnen der Tabak-Regie am Rennweg, die Rennwegbahnen auf dem Gelände der Aspangbahn, die Bahnen von Hofherr & Schrantz in der Shuttleworthstraße, die Gut-Holz-Bahnen bei Amon in der Schlachthausgasse, die alte Zweierbahn von Shell in Floridsdorf, die Bahnen in der Avediktstraße und - was wohl der größte Verlust für die damalige Zeit des Kegelsports war - die schöne Anlage von Pepi ROTZER in der Neilreichgasse. Diese war die einzige Viererbahn mit einem großen Raum für Zuschauer und diese Bahn hat viel zur Popularisierung des Kegelsportes beigetragen. Heute steht dort eine riesige Wohnhausanlage der Gemeinde Wien.

Der Verein "DIE REISSER" hat auch auf manch einer solchen Bahn seine Klubabende abgehalten und zog 1935 als erster Verein auf die neuerrichtete Dreierbahn in Cafe Bastei am Schottentor ein. Am 24. November 1935 fand dort der erste Länderkampf gegen Ungarn statt, den Österreich gewann. Als dieses Haus infolge Kriegseinwirkung arg beschädigt wurde, wurde auch die Kegelbahn 1949 geschlossen und der Verein musste sich auf einer anderen Bahn einmieten. Über die damaligen Nordwestbahnen (die es auch nicht mehr gibt) landete der Klub auf den neuerrichteten Dreierbahnen der Wiener Verkehrsbetriebe in der Wattgasse. Am 1.7.1954 übersiedelte der Verein auf die inzwischen fertiggestellte Prachtanlage von Schwarz-Weiß-Westbahn in die Langauergasse und mietete  drei von den sechs Bahnen. Dies war dann auch die Blütezeit des Vereines, denn es gab nicht viele Gegner, die ungeschlagen von dieser herrlichen Bahn gingen.

 Bemerkenswert ist auch, dass auf den Kegelbahnen den Kegelaufsetzern („Kegelbuam“) eine wichtige Rolle bei der Durchführung der Bewerbe zugekommen ist. Ursprünglich rief der "Kegelbub" immer, wie viele Kegel gefallen waren - später wurde dies mit Blechziffern aufgezeigt. Das Aufstellen mit der Hand dauerte pro 100 Wurf 45 Minuten und mehr. In den Nachkriegsjahren war es, bedingt durch die Arbeitslosigkeit, relativ leicht Kegelaufsteller zu bekommen. Sowohl ältere Männer als  auch die Jugend  rauften sich um einen solchen „Job“ und konkurrierten in der Schnelligkeit des Aufstellens der Kegel. Bei guter und schneller „Arbeit“ waren die Kegler meist spendabel und das Aufstellen war ein gut bezahltes Nebeneinkommen.

Ab dem Jahre 1957 hielt bereits die Technik beim Kegelsport Einzug. Die Aufstellung der Kegel wurde mittels elektronischer Steuerung vorgenommen, war dadurch schneller und somit wurden die „Kegelbuam“ langsam aber sicher „überflüssig“. Im Zuge der  technischen Weiterentwicklung folgten nach und nach weitere Verbesserungen wie sichtbare Anzeigen der gespielten Würfe, Anzeige der gefallenen Kegel, zusammengezählte Ergebnisse, Geschwindigkeitsmessungen der Kugeln  usw.

Der Bau neuer Kegelbahnen - fast nur mehr Viererbahnen aber auch schon Großanlagen mit 6 bis 8 Bahnen - ging zügig weiter und man stattete diese Sportstätten in punkto Garderoben, Aufenthalts - bzw. Zuschauerräume, Dusch-und Toilettenanlagen immer zweckentsprechender aus. Diese Anlagen errichteten hauptsächlich große Firmen, die Öffentliche Hand und der ASKÖ. Für die privaten Firmen (ohne Sponsoren) oder gar private Vereine war und ist der Sportbetrieb zu kostspielig und kaum zu verkraften. Ein Verein, der eine Kampfmannschaft und eine Reservemannschaft stellen muss, braucht (mit Ersatzspielern) mindestens 15 aktive Kegler. Um aber die Kosten für die Bahnmiete und den Betrieb zu decken sind die Mitgliedsbeiträge von ca. 30 Mitgliedern nötig. Deshalb gibt es in Wien von den 94 im Verband gemeldeten Vereinen und Sektionen nur mehr acht Kegelklubs, die privat sind und ohne finanzielle Unterstützung durch Sponsoren, den Sportbetrieb aufrecht erhalten. Dies ist auch der Grund, warum in den  letzten Jahren viele alte und bekannte Vereine aus dem Sportgeschehen verschwunden sind.

 Seit dem Jahre 1982 hat nun unser Verein auf der Sportanlage des Sportkegel-Centers in der Wiener Stadthalle seine Heimabende und versucht nun auf dieser 2 x 4 Bahnen - Anlage seine sportlichen Qualitäten im sogenannten 200WurfBewerb zu erarbeiten. Es ist dazu große Kondition erforderlich, diese ist aber unbedingt nötig, um auch mit der internationalen Sportentwicklung mithalten zu können.

Zur Führung und Erhaltung eines Klubs können gute Funktionäre und Betreuer einen wesentlichen Beitrag leisten. Die REISSER hatten da  Glück!

Seit der Gründung des Klubs (der aus einer Tischgesellschaft hervorgegangen ist) durch Adolar SCHÜBEL, über Oberamtsrat Franz GIRSCHNER; Rudolf HERZOG bis zu Karl KMENT, der den Verein im Jahre 1975  übernommen hat, gab es nur 4 Obmänner. Hundert Vereinsjahre mit nur 4  Vorsitzenden ist schon eine Seltenheit, auf die wir voller Stolz blicken können.

Im Jahre 1998 übertrug Herr Karl KMENT die Vereinsleitung an Herrn Karl LAUERMANN, der mit seinem Obmann Stv. Herrn Karl VONDRLIK seither die Geschäfte führte.

Aufgrund personeller und finanzieller Probleme entschloss sich der Vorstand der „REISSER“ zu einer Partnerschaft mit dem Sportklub „KSK Post Skorpion“. Die beiden Vereinen  „Reisser“ und „Skorpion“ haben sich fusioniert und spielen seit Juli 2005 unter dem Namen 

„KSK Post R.S.“

 

Die Vereinsleitung teilen sich (im 2 Jahres  Rhythmus) abwechselnd Herr Peter KUPFER (ehemals Post Skorpion) und Herr Karl LAUERMANN (Die  Reisser) und wir hoffen, dass es uns gelingen wird, das 130 jährige Bestandsjubiläum würdig zu feiern.